Da habe ich also von meiner Liebe mal wieder ein Buch in die Hand gedrückt bekommen. Und da sie beim Lesen mehrmals vor albernen Kichern nicht weiterlesen konnte, war ich positiv gespannt. Nicht zuletzt aufgrund eigener Erfahrungen mit Siegfried Lenz.
Und ich wurde nicht enttäuscht: Lenz beschreibt Reiseerfahrungen, in denen er ein bißchen wie ein Zaungast von außen, leicht distanziert, doch genau beobachtend die herzliche Fremde mit feinen Humor bescheibt. Man wird selbst zum Zaungast, der Lenz dabei in skurilen, lustigen, herzlichen und befremdenden Situationen beobachten kann. Man begleitet Lenz auf eine jütländische Kaffeetafel, zu der er samt Gattin eingeladen ist, und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass das sehr bedrohliche Züge annehmen kann. Etwas befremdlich wird es auf einer Rinderfarm in den USA: das “Brennen der Rinder” ist für die Cowboys, die ihn alle irgendwie an Filmhelden erinnern, alltägliche Arbeit, für ihn spürbar unangenehm. Wunderbar herzlich und warm ist es in einer kleine Taverne irgendwo in der Nähe von Valencia, in der ihn die Gemeinschaft der Taverne mit all ihren warmen und skurrilen Gestalten aufnimmt und an ihrem Leben teilhaben lässt.

Ein echtes Highlight ist die finnische Schwitzzeremonie: der Autor wird von seinem Gastgeber zu einem Saunagang eingeladen und natürlich stellt er sich, den Beschreibungen seines Gastgebers entsprechend, ein in Luxus schwelgendes römisches Bad vor, in dem man wunderbar entspannend bei anregenden Gesprächen auf Liegen ruht. Es kommt ganz anders:
Irgendwo in einem Waldstück steht eine usselige, heruntergekommene Hütte, die Sauna. Lenz ist mit verschiedenen sehr gesitteten Herren, allesamt Geschäftspartner und eigentlich nicht sonderlich vertraut, dort. Die Herren beginnen sich, alle sehr höflich benehmend, auszuziehen. Man geht in die Sauna, die etwa die Temperatur der Hölle hat und der nach einiger Zeit bittet der Gastgeber Lenz mit Birkenzweigen auszupeitschen und dabei kräftig zuzulangen. Lenz, am Ende seiner Kräfte, sieht bereits seine Lebensgeister in einem Rinnsal in einem Gulli verschwinden, nimmt aber alle Kraft zusammen und schlägt zu. Aber irgendwie war es das wohl nicht, denn der Gastgeber bittet, leicht enttäuscht schauend, seinen Sohn das Ritual zu wiederholen, was der dann voller Inbrunst und aller Krafttut.
Lenz bekommt mehrfach Wasser ins Gesicht (wie wunderbar erfrischend) und springt (zumindest kurz) in einen halb zugefrohrenen See (ha, welche Wohltat). Der Höflichkeit folgend macht er alles mit und kämpft sich durch (alles wunder-wunderbar!) und erst ganz zum Schluss bemerkt er die den gesamten Körper durchflutende Entspannung, die ihn mit der finnschen Schwitzzeremonie versöhnt.

Lenz ist ein begnadetet Erzähler und läßt die Szenerie vor dem inneren Auge des Lesers entstehen. Man folgt ihm in die Geschichte, ist mitten dabei und fühlt mit. Wunderbarer Lesegenuss, großer Spass!


Zaungast

Siegfried Lenz. Deutscher Taschenbuch Verlag 2006, Taschenbuch, 112 Seiten, € 6,00

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