Eigentlich will ich über Mathias Noltes - bereits etwas älteren - Roman “Roula Rouge” schreiben, aber ich glaub, ich muss mich erstmal über den Deutschen Buchpreis aufregen. “Roula Rouge” hat es nämlich durchaus mal auf die Longlist geschafft, weiter aber nicht. Und nachdem ich mittlerweile drei Buchpreis-Gewinner-Bücher gelesen und mich nur bei einem nicht tierisch gelangweilt habe, frage ich mich ernsthaft, ob wir Deutschen nicht vielleicht Kultur und Humorlosigkeit miteinander verwechseln? Wieso gewinnt diesen Preis offenbar nur der historisch aufarbeitende, ernste Entwicklungsroman, dessen Held(in) sich durch die Unbillen der deutschen Geschichte kämpft und seelisch zwar angekratzt, doch geläutert, daraus hervorgeht??? Muss das wirklich sein?
Und damit schwenke ich zu M. Nolte, dem ich den Preis echt gegönnt hätte. Sein Buch ist nämlich: leicht, witzig, unterhaltsam und die Figuren nehmen sich nicht ständig bierernst. Und das, obwohl es auch - irgendwie ein bisschen - um deutsche Geschichte geht. Jonathan Schotter, knapp 48, war mal ein Wunderkind der Werbebranche (eine Bacardi-Kampagne wird erwähnt) und halbwegs glücklich mit der Malerin Susanne verheiratet. Zu Beginn des Romans ist er geschieden und arbeitslos, wenngleich auch keineswegs verarmt. Frisch von München nach Berlin umgezogen, streift er ziellos durch die Stadt. Seine neue Luxuswohnung wird noch renoviert, weshalb er in einer Pension mit etwas eigenartiger Wirtin haust. In diesen Schwebezustand Jonathans bricht der Zufall ein: In der S-Bahn sitzt er zwei jungen Frauen gegenüber. Eine vergisst beim Aussteigen ihren Rucksack auf der Sitzbank. Zunächst will er ihn beim Fundbüro abgeben, aber der Inhalt - ein I-Book - weckt seine Neugier derart, dass er ihn behält. Er knackt das Password und liest sich in die Welt der Besitzerin ein, deren Name offenbar Roula Rouge ist.
Natürlich verliebt Jonathan sich in Roula (eigentlich Emma), obwohl die beiden nichts gemeinsam haben: Er ist ein reicher, sehr penibler, leicht angesnobter Wessi aus der Welt des schönen Scheins, sie eine linke, gern mal für die linke Revolution Mollies werfende, im Kaufhaus klauende, schwarz arbeitende Friseurin aus dem Osten. Zudem ist er doppelt so alt wie sie. Und er ist eigentlich ihr größter Feind, denn über die Chat-Funktion des Rechners hat sie ihm, dem fiesen Computer-Dieb, bereits Rache angedroht. Er plant also, sich ihr heimlich, als Zufallsbekanntschaft zu nähern. Wie es weitergeht, muss jeder selbst rausfinden, aber natürlich treffen die beiden bald aufeinander.
Was den Roman so nett macht, ist, dass die Figuren sehr sympathisch sind, obwohl sie allesamt skurril und manchmal etwas unglaubwürdig sind. Neben den beiden Hauptfiguren gibt es noch die Ex-Frau Susanne, Roulas Freundinnen Mette und Nike, die Wirtin Frau Philipps, den superreichen Unternehmer Herdi, die polnische Putzfrau, den nicht-wirklich-italienischen Kellner usw. usw. Nolte schafft es einfach, sie trotz mancher Seltsamkeiten warm und ehrlich erscheinen zu lassen. Und obwohl man vieles vorherahnen kann, ist die Geschichte nicht platt oder langweilig, sondern schwungvoll und witzig. Und Jonathan ist wirklich ein richtig netter reicher Schnösel, den man gern durch Berlin begleitet.
Warum immer die Langweiler die Buchpreise abstauben, wird mir wohl ewig ein Rätsel bleiben. Nolte sollte aber unbedingt noch viel mehr schreiben, soviel ist sicher! Sein Roman “Großkotz” ist leider vergriffen
Ein neuer ist aber grad erschienen und wird als nächstes gelesen!
Viel Spaß beim Lesen des Buches!!!
Tags: Berlin, Liebesgeschichte, Nolte, Ossi, Roula Rouge

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