Ein Buch mit mehreren hundert Seiten, das mehr als trivial ist, benötigt zumindest ein Minimum an Zeit und nicht nur wenige Minuten alle paar Tage. Man verliert den roten Faden und kann schließlich die Geschichte nicht mehr korrekt würdigen. So habe ich den Ratschlag meiner Liebe angenommen und mich einer Novelle von Siegfried Lenz zugewandt. 128 Seiten zeigte ein kurzer Blick auf das Ende des Buches, also kein Umfang, der nicht an einem Wochenende zu bewältigen wäre. Zeit hin oder her.

Das Buch beginnt mit einer Gedenkfeier in einer Schule für eine kürzlich verstorbene Lehrerin. Ein Schüler, Christian, scheint sehr vertraut mit der Lehrerin zu sein. In seinen Gedanken dutzt er sie und macht deutlich, dass ihr Tod insbesondere für ihn einen besonderen Verlust darstellt. Es wird schnell klar, dass die beiden eine Art von Affäre hatten, etwas, was man nicht als Beziehung beschreiben kann, was aber Tiefe Empfindung, vor allem bei Christian, aber auch bei Stella (Petersen), der Lehrerin, beinhaltet.

Während der Feier schweifen Christians Gedanken immer wieder ab und Bilder der Vergangenheit tauchen auf, die in Szenen die Beziehung der beiden, aus Sicht Christians, lebendig werden lassen. Alles in allem eine Beziehung, die Bedeutung hat, die langsam und bedächtig wirkt und nicht angestrengt und hektisch. Dabei haben Stella und Christian die Probleme, die bei den beiden Figuren nahe liegend sind: der Altersunterschied, die Lehrer-Schüler-Rolle, die Heimlichkeit der Beziehung. Trotzdem ist sie natürlich und entspannt. - Warum Stella nun tot ist und Christian sich nur an sie erinnern kann, das muss der geneigte Leser schon selbst nachlesen.

Siegfried Lenz hat ein Buch wie eine Schweigeminute geschrieben: konzentriert, ruhig, fast andächtig. Ein bißchen so wie die Beziehung zwischen Stella und Christian. Alles in einer sehr entspannten, poetischen Sprache mit feiner Ausdifferenzierung der Figuren, die selbst auf diesen wenigen Seiten bis in die Nebenrollen gelingt. Stilsicher sind die Örtlichkeiten, Empfindungen und die Eigenarten der Figuren beschrieben.

Irgendwo habe ich gelesen, es sei Lenz’ bestes Buch: das kann ich nicht bestätigen, da ich nur dies von ihm kenne. ;-) Aber es ist so gut, dass es jedem zu empfehlen ist. Ganz, klar!


Schweigeminute

Siegfried Lenz. Hoffmann und Campe 2008, Gebundene Ausgabe, 128 Seiten, € 8,97

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2 Responses to “Schweigeminute, Siegfried Lenz”

  1. Grandios erzählte Liebes- und Todesgeschichte. Lenz zeigt sich als sprachgewaltiger Beobachter und Beschreiber.

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  1. Zaungast

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