Paris. Ein Mietshaus der besseren Gesellschaft in der Rue de Grenelle. Die Leute, die dort wohnen sind wohlhabend. Ärzte, Rechtsanwälte, Stadtverordnete. Ein 12 jähriges Mädchen. Und eine Concierge.
So eine Concierge ist eine Art Hausmeister, die darüber hinaus eine Art Mieterbetreuungsservice anbietet, wobei dieser Beruf in Frankreich gesetzlich geregelt ist. Nun, so richtig intellektuell anspruchsvoll ist dieser Job wohl eher nicht. Und auch 12 jährige Mädchen interessieren sich eher für Boy Groups oder Ponys.
Paloma, das Mädchen, ist anders. Belesen, intelligent. Viel intelligenter als all die merkwürdigen Erwachsenen um sie herum. Ihre Eltern und ihre Schwestern eingeschlossen. Allerdings auch ein bißchen altklug. Und weil sie in diese Erwachsenenwelt nicht eintauchen will und auch überhaupt nicht erwachsen werden möchte, beschließt sie sich in einer spektakuären Aktion das Leben zu nehmen. Allerdings nicht bevor sie sich vorher noch ein paar “tiefgründige Gedanken” gemacht hat.
Gleiches gilt für die Concierge, Renée, die in den ruhigen Stunden nicht etwa Soaps im Fernsehen sieht, sondern Tolstoi liest und ihre Intelligenz unter der Maske der tumben Concierge versteckt.
Die Handlung wechselt zwischen den beiden Protagonisten hin und her und beide fabulieren über die Dinge, die sie sehen und ihnen passieren. Schön, fein gezirkelt, philosophisch, aber auch (fast) ohne Handlung.
Schwung kommt in die Geschichte, als ein neuer Mieter in das Haus einzieht. Höchstes Niveau, Japaner. Und dieser Herr Ozu schaut hinter die Dinge und erkennt, das es sich bei Renée um jemand anders handelt, als eine einfache Concierge. Und über ihn, als eine Art Katalysator, finden die drei intelligenten Menschen des Hause, Paloma, Renée und er, zueinander.
In feinen gezirkelten Sätzen löst Muriel Barbery die Probleme der Menschen langsam auf, Renée und Herr Ozu scheinen sogar eine zarte Beziehung aufbauen zu wollen und Paloma nimmt Abstand von ihren Selbstmordabsichten.
Insgesamt können die Charaktere aber nicht wirklich überzeugen. Mir fällt es schwer, Sympathie zu Figuren aufzubauen, die hochnäsig und altklug auf das Fußvolk herabschauen. Und deshalb bleibt die Geschichte eine philosophisch-sprachliche Spielerei. Auf höchstem Niveau, sehr warm und mit Herzblut geschrieben. Aber mit unnahbaren Figuren.
Lesen sollte man das Buch, wenn man Sprache und das feine Auseinderdiskutieren der Gedanken mag. Und interessant zu lesen ist es auch, auf welch feine und feinsinnige Art Gabriele Zehnder (die Übersetzering) ihre Arbeit umsetzt.


Die Eleganz des Igels

Gabriela Zehnder (Übersetzer). Deutscher Taschenbuch Verlag 2008, Taschenbuch, 380 Seiten, € 10,75

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4 Responses to “Die Eleganz des Igels, Muriel Barbery”

  1. Die beiden Frauenfiguren sind nicht altklug und hochnäsig. Sie verachten eine bestimmte Gruppe von Menschen, die sich für “etwas Besseres” hält, und zwar genau aus diesem Grund.
    Dagegen behandeln Renee und Paloma bodenständige Menschen, die anderen mit Respekt begegnen, höflich und freundlich und sehen keineswegs auf sie herab. (s. die portugiesische Putzfrau, auch eine wunderbare Nebenfigur)Renees Haltung dem Clochard gegenüber, am Schluss des Buches, macht das nochmal ganz deutlich.
    Ich schätze, der Roman wollte genau das zeigen, dass es nicht auf den Beruf, das Bankkonto, die Eltern oder den Schulabschluss ankommt, sondern darauf, wie der einzelne Mensch seine geistigen Fähigkeiten ausbaut und pflegt, wie er mit anderen umgeht, ob er schöne Dinge zu schätzen weiß etc. etc.
    Es stimmt schon, viel ausgefeilte Handlung im Sinne von Action und Überraschungen gibt es nicht (außer den Schluss), aber man kann viel über das Leben nachdenken und lernen, wenn man den Figuren bei ihren Gedankenspielen folgt.
    Und das ist schön.
    Und deshalb ist es ein gutes Buch.
    Und ICH mag die Figuren.
    So!

  2. Hmmm, das hört sich vernünftig an … Vielleicht lag es daran, dass ich das Buch zumeist abends vor dem Einschlafen gelesen habe. Und das ist erwiesenermaßen keine gute Zeit Bücher zu lesen, die ein wenig Mehr an Aufmerksamkeit und Gedanken bedürfen.

  3. Goetz von Waldau
    Januar 28th, 2010 at 13:52

    Liebe Gabriele Zehnder,

    ich habe mit großem Vergnügen zwei Bücher von Muriel Barbery
    mit ihrer kongenialen Übersetzung gelesen, und möchre Ihnen dafür ein großes Kompliment machen !

    Bien à vous

    Goetz von Waldau

  4. Ähh, hallo Herr von Waldau! Die von Ihnen angesprochene Gabriele Zehnder (Übersetzerin des oben besprochenen Buches; Anm. von Forsch…) gibt es hier leider nicht! Vielleicht versuchen Sie es mal über den Verlag, Kontakt mit Frau Zehnder aufzunehmen …

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