Ich jogge immer die gleiche Strecke. Ein Rundkurs in einem kleinen Park, etwa 2,5 km, so dass ich variabel entscheiden kann, wie weit ich wirklich laufen möchte. Die Strecke führt durch Park, Wald, an einem Dammwildgehege vorbei und um einen kleinen See herum. Parkbänke säumen den Weg, manchmal sitzen dort Jugendliche, die nur halb beschämt ihren Joint hinter der Lehne zu verbergen suchen, manchmal eine alte Frau, die ihre Möglichkeiten überschätzt hat und eine kleine Pause machen muss.
Und am See sitzt immer Heinz. Immer auf der gleichen Bank, immer mit Zigarette und Bier.
Ich habe Heinz kennengelernt, als ein Wadenkrampf mich zwang kurz stehen zu bleiben und mich zu dehnen. Er sprach mich an, Tonfall verwaschen und nasal.
Hoaahh … das’ aba ma spoatlich …
Joahh … antwortete ich wage, nicht wirklich gewillt, den Kontakt zu vertiefen. Doch dann fing er an zu erzählen.
Früha, da wara ja auch spoatlich. Da hattim niemand wat vor’emach’. Unnie Fraun ha’m ihm hinterher geschau’ und jede, jede, konn’er ha’m. Damma’s. Er hat’ ja ‘n Motorrad gehapt, so ‘ne Honda, da stand’n se alle und ha’m geguckt. Un’ mit seine Freun’in is er ‘rum gefah’n. Bis na’ Essen, z” Einkaufen un Kaffeetrinken. Da hattasich nich lum’en lassen, bei der Bi’ergit. Aba die is ja jetz auch schon lange wech, lange. Das is, weil der Job war da we”.
Ich hatte Probleme ihn zu verstehen. Seine Stimme war verwaschen und biergeschwängert. Wobei er versuchte seinen Worten durch einen gekünzelten Bass Ausdruck zu verleihen. Vielleicht waren es aber auch nur der Kondensatbelag der Stimmbänder.
Er war ja, hier, Ins’allateuer. Für Wasser, damit die Leute scheißen können. Da hat er auch gut verdient, tausend Euro, und mehr, damals war das ja in D-Mark und noch viel. Ja.
Heute kann man ja niemanden mehr trauen. Schon garnicht den Frauen, die sind alle gleich. Wenn man denen kauft, so, und Geschenke macht und man machtatt ja gerne. Aba die sind alle so Schmuc’.
Auf’m Amt sin ja auch nur Fraun. Alle. Kannse geh’n, wo wills’. Früher war dat ja Stütze. Heute is dat ja Haz, da. Vier. Kann man nich von leh’m, kann man nicht, ne. Scheiße. Un wenn er schon so hört, so rauchen, weil dat is teuer un’ ungesund. Ja, toll, soll’n die doch ersma’ aufhör’n mit rauchen! Sollen se mal seh’n! Ich lass mir datoch nich’ erzähl’n!
Er schaute auf seine runtergebrannte Kippe. Mehr fiel sie ihm aus der Hand, als dass er sie wegwarf. Nestelte eine zerknautschte Packung aus der Hosetasche und fingerte eine verbogene weitere heraus. Nur mit Mühe fand die Feuerzeugflamme die Spitze der Zigarette.
Ah, so. Gut. Und überhaupt woll’n doch alle nur sein Geld. Oder Zigarettn. Wenner wo steht, so anner Bude, so, dann kommse alle: Heinz hasse ma’ ‘ne Fluppe? Krisse wieda! Krisse aba nich’! Tolle Freunde.
Ei’entlich sei er ja reich. Weil, die sin’ alle gekomm’ und wollten Kohle ham. Und hamse ja auch gekricht, weil er hatte es ja. Un jetz kennse ihn nich mehr. Pillemänner.
Er griff zu der Flasche Krombacher, die er kurz auf dem Boden abgestellt hatte, führte sie schwankend zum Mund und nahm einen langen Zug der abgestandenen Plörre. Ich nutzte die Gelegenheit und streckte mich, machte ein paar Trippelschritte und sagte, dass ich jetzt mal wieder müsse.
Er machte eine fahrige Handbewegung, die wohl ein Winken sein sollte.
Tschüh’.
Ich lief los.
Eine Runde später kam ich wieder am See vorbei. Heinz saß noch dort, blickte auf den See, schaut auf die Enten, aber sein Blick ging durch die Tiere hindurch und blieb irgendwo auf dem Grund des Sees hängen.
Tags: Alkohol, Penner, Stadtstreicher
Januar 29th, 2012 at 08:56
Mehr oder minder selbstverständlich mühen wir uns durch die Hürden des Alltags. Dabei reichen nur ein paar Fehltritte aus oder Lebenssituationen, die wir vielleicht alleine nicht stemmen konnen, um den Kurs zu verlieren. Und alles was dann noch bleibt, sind Kippen, Krombacher und der See. Pillemänner!
Januar 30th, 2012 at 09:34
Lässig erkannte datGosch den tatsächlichen, eigentlich, innersten Titel dieses Beitrags: Pillemänner!