Die alte Dame hatte sich wirklich gut gehalten. Sie war gesund und fit und ihr schwarzes Haar durchzogen nur vereinzelte graue Strähnen. Man hatte den Eindruck, sie sei noch von “alter Schule”: elegante Bewegungen, grazile Erscheinung, stechende, klare Augen. Dabei aber immer von einer leicht herablassenden Würde, als wäre sie eigentlich besseres gewohnt, als sich mit uns abzugeben.

Niemand konnte ihr genaues Alter bestimmen. Nach menschlichem Ermessen mußte sie vielleicht Mitte oder Ende 70 sein. Sie selbst äußerte sich dazu nie. Wenn sie etwas sagte, dann ging es um ihre direkten Bedürfnisse. Warum es noch nichts zu essen gäbe und dass sie sich jetzt ein wenig in die Sonne legen wolle.

Wir nannten sie Tante Polly. Ob sie tatsächlich so hieß, hat sie uns nie verraten, aber sie akzeptierte den Namen und reagierte darauf und so haben wir es nie für nötig erachtet ihren wahren Namen in Erfahrung zu bringen. Sie lebte schon so lange bei uns, sie hatte die Kinder aufwachsen sehen, hatte Glück und Leid miterlebt und mitgetragen, dass sie schlicht zur Familie gehörte. Alles andere war unvorstellbar.

Nur manchmal nachts, wenn das Haus ruhig wurde, war Tante Polly noch wach. Dann strich sie durch die verlassenen Räume und rief ihren Rolf.

RRRRRrrrrroooollllffffvvvv …!!

Und wieder

RRrrrrroooOOOlllvvvvv …!!!

Manchmal auch fragend

Rrrrrrooollllffff …??

Wenn wir sie ansprachen schaute sie nur verwirrt, schüttelte kurz, manchmal meinte man, ein wenig traurig, den Kopf, machte eine elegante Wendung und verließ den Raum.

Aber schon kurze Zeit später, vermutlich wähnte sie uns schlafend, hörte man sie wieder rufen:

Rrrroooollfff …! RRRRooolllfffvvv …!!

Sie rollte das R in ihrem Rachen und man hatte den Eindruck ihre Sprache hätte einen slawischen Einschlag, was sie neben der Tatsache, dass wir nichts über ihre Eltern und ihre Herkunft wußten, noch geheimnisvoller machte.

Sie suchte Rolf in jedem Raum, aber augenscheinlich fand sie nicht, was sie suchte, denn auch in der nächsten Nacht ging die Suche weiter.

Rrrroollllvvv …?

Wir vermuteten eine Form von Demenz und nötigten die Dame, durchaus unter Ausübung sanfter Gewalt, einen Arzt aufzusuchen, zu dem wir sie natürlich begleiteten. Aber außer seiner Bewunderung über ihren Anmut, ihre Haltung und dass er ihr Alter nicht glaube, konnten wir keine Informationen bekommen.

Im Laufe der Zeit gewöhnten wir uns an ihre kleine Schrulligkeit und nahmen es hin, ab und zu von ihrer inständigen Suche geweckt zu werden. Aber wir konnten ihr nicht helfen: Rolf war uns einfach unbekannt!

Geneigte Leser und Leserinnen! Kennen Sie Rolf? Wenn Sie uns helfen können, dann würden wir uns über eine Nachricht von Rolf freuen. Vielleicht erkennt Rolf sie ja auch auf dem Foto wieder?

Danke!

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Ein Kommentar to “Rolf”

  1. Irgendwie habe ich nun Angelika Milster mit “Erinnerung” im Ohr. Und ein wunderbar melancholisch-einsames Gefühl im Bauch.
    Fein geschrieben. ;)

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