Februar 22nd, 2010

Gegenüber gibt es eine Arztpraxis, eine Gemeinschaftspraxis mit einigen Angestellten. Auch eine behinderte junge Frau arbeitet dort, Multiple Sklerose, so wird unter vorgehaltener Hand gemunkelt. Selber fragen würde man natürlich nie, man kennt sich ja garnicht und überhaupt: wie peinlich wäre das denn: “Hallo, haben Sie Multiple Sklerose? - Nicht? Ach, Kinderlähmung! Jaja, kenn’ ich, schlimm, schlimm!!”

Leicht versetzt vor der Praxis und damit direkt vor unserer Haustür hat man der Dame einen Behindertenparkplatz zur Verfügung gestellt. Das ist natürlich völlig richtig so. Wenn dieser Parkplatz nicht so direkt vor unserer Tür wäre, als qua Location uns gehörte. So, irgendwie halt … Aber, hey, da läßt man natürlich die Finger von! Weil man natürlich einsieht, dass dieser arme Mensch, für den der Parkplatz vorgesehen ist, ein Anrecht auf diesen Platz hat. Quasi per Verordnung. Also, mit Knöllchen und abgeschleppt werden hat das garnichts zu tun! … direkt vor der Haustür.
Nur warum parkt eigentlich der Nachbar abends da immer? Der ist doch garnicht behindert, oder ist mir da was entgangen? Neee! - Morgens steht da immer ein 3er BMW Cabrio. Das gehört aber nicht dem Nachbarn. Das ist schon alles sehr seltsam …

“Herr Wilmer, wenn se mal nen kleinen Tipp wollen: Die steht da nur bis 3 Uhr Nachmittags mit dem Auto rum. Die arbeitet da vorne und der Parkplatz ist nur für die tägliche Arbeitszeit. Könnse Nachmittags parken, nur morgens muss halt das Auto wieder weg sein! Und am Wochenende gilt das auch nicht.”
“Oh! Ach! Wie praktisch!” Und so parke ich denn bei Gelegenheit abends mein Auto da, aber eigentlich auch wieder nur dann, wenn ich den festen Vorsatz habe, quasi sofort wieder wegzufahren. Nicht, dass das noch Ärger gibt!

Monate vergehen.

Sonntag Abend. “Schatz, fährst Du mich morgen zum Flughafen?” Ein lieber Blick von meinerLiebe gepaart mit einem tollen Augenaufschlag. Morgen fliegt sie mit einer Freundin in einen Mädels-Sightseeing-Kurzurlaub und mag nicht die horrenden Parkgebühren am Flughafen bezahlen.
“Klar! Nehmen wir morgen einfach dein Auto, dann kommt das auch pünktlich von dem Parkplatz da drüben weg. Kann ja dann heute Nacht einfach stehen bleiben!” Hach, ich bin aber auch nett!
“Prima!”
Matte, teigige Schwere wird zerschnitten durch eine fröhliche Stimme. “… Arbeitslosenzahlen im letzten Monat leicht gest…” Bääämssss!! Snooze-Taste! Nur noch 5 Minu … “…got you, babe! I got you, Babe!” Klick! Aus! Woher kenne ich das Lied? Ächz, egal, viel zu früh. 5:30 Uhr ist eine Uhrzeit die verboten werde sollte. Die nächsten 20 Minuten bin ich eh rückenmarkgesteuert. Eine Reflexmaschine quasi. Auch meineLiebe wringt sich aus dem Bett. Runter gehen. Kaffee kochen. Hat eigentlich schon jemand da draußen die Kulissen aufgebaut? Ah, tatsächlich, die Welt steht. Muss wohl die Nachtschicht noch gemacht haben.
Tasche in’s Auto. Immer noch nicht wach. An die ersten 50 Kilometer der Fahrt habe ich nur rudimentäre Erinnerungen. Braves kleines Auto! Fährt quasi von selbst, mein kleiner Dude. MeineLiebe guckt immer noch glasig nach vorn. Ob sie weiß, wo sie ist? “Schatz? Alles klar? Wir sind gleich da!” “Brrfffzz!” Oh, das kann ja lustig werden, wenn sie erst im Flieger aufwacht.
MeineLiebe habe ich dann an eine leicht aufgekratzte Freundin übergeben. Boah, hat die heute morgen Kaffeepulver geschnieft? Kuss! Viel Spass! Noch ein Kuss! Und noch ein Kuss, der … aber lassen wir das. Wieder zu Hause läuft mein Gehirn auf 50%. Das reicht um das Auto um die Ecke zu parken. Wegen des Knöllchens, gell.
Den ganzen Tag habe ich diese unglaublich unchristliche Aufstehzeit in den Knochen. Irgendwie habe ich sogar gearbeitet. Vor die Tür bin ich nicht gegangen, um Gottes Willen. Da war ja dieses - Luft! Man kennt das ja: Sauerstoffschock! Sowas konnte ich ja garnicht gebrauchen!
Am nächsten Morgen ging es schon besser. SMS von meinerLiebe, alles gut gelaufen, gut angekommen, ganz liebe Grüße, gehen jetzt Bummeln. Irgendwas so gegen kurz vor 9: Türklingel. Oh, der Postbote? Der ist aber früh heute morgen. Dackel zur Tür. Die Nachbarin!!
“Morgen, Herr Wilmer, äh, also, ich weiß ja nicht, ob ich das jetzt soll, und ich will ja garnicht stören, aber ist das da vorne ihr Auto? Ich glaub, das wird gerade abgeschleppt …!”
“… - …???” Wenn man in dem Moment ein Foto von meinem Gesicht gemacht hätte … “Äh, das ist, das kann, dass muss …” Logiksynapsen schalteten sich quer und dockten am Kausalzusammenhangszentrum an. Das wäre ein Superbild im Kernspintomographen geworden. Auto? Wessen Auto? Mein Auto steht um die Ecke! Das Auto, was da steht, gehört … MEINERLIEBE!! Scheiße! Jaaaaa, verdammt! Steht das Ding da jetzt wirklich seit fast zwei Tagen rum?
Nach draußen sprintend renne ich die Nachbarin noch über den Haufen. Ohhh, böööse Miene bei zwei Politessen. Jajajaja, fahr ich sofort weg! Nur schnell Schlüssel holen! Abschleppwagen schon bestellt? Bittebitte abbestellen! Sprint rein, Sprint raus! Wagen weg! Parkplatz frei! - Unter dem Scheibenwischer ein Zettel:

Liebe(r) Autofahrer(in),
Sie parken auf meinem Parkplatz. Möchten Sie auch meine Behinderung haben?

Bumms, Hammer in den Nacken. Scheiße, na hoffentlich gibt das ein saftiges Knöllchen, hab’ ich ja wohl verdient. Das Knöllchen kann man bezahlen, aber das Karmadefizit ….!!! Gut, dass die junge Dame aus der Arztpraxis nicht zu sehen war, hätte nicht gewußt, wie ich vor ihr hätte kriechen sollen.

Vom Arbeitszimmer kann ich direkt auf den Parkplatz schauen. Jeden Morgen kommt sie mit dem 3er BMW und quält sich, mit der einen Hand auf eine Krücke gestützt mit der anderen an Autos und Wand entlang hangelnd zu ihrem Arbeitsplatz, mich ständig an mein Karma erinnernd. Das hüfthohe Tor einer Einfahrt auf der gegenüberliegenden Seite nutzt sie als Reeling, um sich vorwärts zu kämpfen. -

Das Tor ist auf! Sie kommt nicht weiter! Guckt sich um! - Jetzt oder nie: Sprint raus!
“Guten Morgen! Kann ich ihnen behilflich sein?” Karmakarmakarma …
“Ohhh, vielen Dank! Wie freundlich! Sind sie jetzt extra meinetwegen … also das wäre doch nicht …!”
“Doch, doch, kein Thema, sitze ja da direkt hinter dem Fenster!” Karmakarmakarma …
Sie hakt sich unter und ich geleite sie die drei Meter am Tor vorbei.
“So, von hier aus geht es wieder. Danke schön!”
“Soll ich nicht noch eben … bis zur Tür?” Bittebitte, noch ein bißchen Defizit abbauen …
“Nein, nein, sehr lieb von ihnen, aber das muss ich schon alleine schaffen! Vielen Dank und einen schönen Tag!”
“Keine Ursache! Ihnen auch schönen Tag …!”

Ich habe ihr nicht gesagt, dass ich der Parkplatzidiot war. Wahrscheinlich hätte sie mir noch verziehen.

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Januar 23rd, 2010

Da habe ich also von meiner Liebe mal wieder ein Buch in die Hand gedrückt bekommen. Und da sie beim Lesen mehrmals vor albernen Kichern nicht weiterlesen konnte, war ich positiv gespannt. Nicht zuletzt aufgrund eigener Erfahrungen mit Siegfried Lenz.
Und ich wurde nicht enttäuscht: Lenz beschreibt Reiseerfahrungen, in denen er ein bißchen wie ein Zaungast von außen, leicht distanziert, doch genau beobachtend die herzliche Fremde mit feinen Humor bescheibt. Man wird selbst zum Zaungast, der Lenz dabei in skurilen, lustigen, herzlichen und befremdenden Situationen beobachten kann. Man begleitet Lenz auf eine jütländische Kaffeetafel, zu der er samt Gattin eingeladen ist, und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass das sehr bedrohliche Züge annehmen kann. Etwas befremdlich wird es auf einer Rinderfarm in den USA: das “Brennen der Rinder” ist für die Cowboys, die ihn alle irgendwie an Filmhelden erinnern, alltägliche Arbeit, für ihn spürbar unangenehm. Wunderbar herzlich und warm ist es in einer kleine Taverne irgendwo in der Nähe von Valencia, in der ihn die Gemeinschaft der Taverne mit all ihren warmen und skurrilen Gestalten aufnimmt und an ihrem Leben teilhaben lässt.

Ein echtes Highlight ist die finnische Schwitzzeremonie: der Autor wird von seinem Gastgeber zu einem Saunagang eingeladen und natürlich stellt er sich, den Beschreibungen seines Gastgebers entsprechend, ein in Luxus schwelgendes römisches Bad vor, in dem man wunderbar entspannend bei anregenden Gesprächen auf Liegen ruht. Es kommt ganz anders:
Irgendwo in einem Waldstück steht eine usselige, heruntergekommene Hütte, die Sauna. Lenz ist mit verschiedenen sehr gesitteten Herren, allesamt Geschäftspartner und eigentlich nicht sonderlich vertraut, dort. Die Herren beginnen sich, alle sehr höflich benehmend, auszuziehen. Man geht in die Sauna, die etwa die Temperatur der Hölle hat und der nach einiger Zeit bittet der Gastgeber Lenz mit Birkenzweigen auszupeitschen und dabei kräftig zuzulangen. Lenz, am Ende seiner Kräfte, sieht bereits seine Lebensgeister in einem Rinnsal in einem Gulli verschwinden, nimmt aber alle Kraft zusammen und schlägt zu. Aber irgendwie war es das wohl nicht, denn der Gastgeber bittet, leicht enttäuscht schauend, seinen Sohn das Ritual zu wiederholen, was der dann voller Inbrunst und aller Krafttut.
Lenz bekommt mehrfach Wasser ins Gesicht (wie wunderbar erfrischend) und springt (zumindest kurz) in einen halb zugefrohrenen See (ha, welche Wohltat). Der Höflichkeit folgend macht er alles mit und kämpft sich durch (alles wunder-wunderbar!) und erst ganz zum Schluss bemerkt er die den gesamten Körper durchflutende Entspannung, die ihn mit der finnschen Schwitzzeremonie versöhnt.

Lenz ist ein begnadetet Erzähler und läßt die Szenerie vor dem inneren Auge des Lesers entstehen. Man folgt ihm in die Geschichte, ist mitten dabei und fühlt mit. Wunderbarer Lesegenuss, großer Spass!


Zaungast

Siegfried Lenz. Deutscher Taschenbuch Verlag 2006, Taschenbuch, 112 Seiten, € 6,00

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Januar 9th, 2010

Winterkleidung

Schneeleute

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Kater

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Dezember 30th, 2009

… kommt Sylvester eigentlich immer! Wiedermal viel zu viel liegen geblieben, ungelesen, unerledigt. Aber, hey, der Weg ist das Ziel! In diesem Sinne: Feiert schön!

Sektflaschen

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Dezember 27th, 2009

Kathrin Aehnlichs Roman “Alle sterben, auch die Löffelstöre” ist sicherlich kein Buch, das die Literaturwelt erschüttert hat oder noch erschüttern wird. Er ist einfach nur ein “kleiner” Roman über Freundschaft. Aber er hat immerhin mich ein bisschen erschüttert.
Skarlet, die Ich-Erzählerin, arbeitet in einem Zoo, der beachtliche Zucherfolge bei den Löffelstören aufweisen kann. Daher der skurrile Titel. Sonst ist nichts an diesem Buch skurril. Es ist wunderbar echt und die Menschen darin sind tröstlich glaubwürdig. Skarlet ist seit dem DDR-Kindergarten unter Tante Edeltrauts strengem Regime mit Paul befreundet. Paul war immer ein bisschen anders als die anderen, aber immer Skarlets bester Freund. Zusammen ertrugen sie pedantische Väter, abwesende Väter, gestresste Mütter, schweigende Mütter, politische Umbrüche, Scheidungen, Erfolge und Zukunftssorgen.
Aber dann wurde Paul sehr krank und starb. Und nun findet Skarlet, zu Beginn des Romans, in Pauls letztem Brief die Bitte, seine Grabrede zu halten. Sie blickt, auf der Suche nach Worten, auf das gemeinsame Leben und Pauls langes Sterben zurück.
Der Roman ist so ergreifend leise und “normal”, so authentisch und warmherzig, dass man am Ende einfach feuchte Augen hat. Weil man den Wert von Freundschaft, den Trost, der in ihr liegt, die Größe in der vermeintlichen Selbstverständlichkeit, wieder einmal begriffen hat.
Man möchte, wenn man das Buch ausgelesen hat, dringend einen guten Freund anrufen. Oder besser noch - dringend einen guten Freund besuchen gehen.


Alle sterben, auch die Löffelstöre

Kathrin Aehnlich. Piper 2009, Broschiert, 249 Seiten, € 5,00

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Weihnachtsbaum

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Dezember 5th, 2009

Kluftinger, Kommissar im beschaulichen Allgäu, wohnhaft in Altusried, ist genauso drauf, wie es scheint: sehr bodenständig, ein bißchen altbacken, leicht unvorteilhaft gekleidet, übergewichtig und sehr gemütlich. In sein beschauliches Leben zwischen Laienspiel und Tanzkurs platzt ein Selbstmord, den er untersuchen soll. Der junge Mann hat sich augenscheinlich auf der Flucht vor der österreichischen Polzei das Leben genommen. Bei dem Toten werden Aufzeichnungen gefunden, die auf einen Terroranschlag hindeuten. Und das nicht in München, Berlin, Hamburg oder Köln, sondern im Allgäu. Und schließlich wird er auch noch in die Taskforce des BKA berufen, die den Anschlag verhindern soll.
Ach so: es geht hier um “Laienspiel”, den letzten Kluftinger-Krimi von Volker Klüpfel und Michael Kobr.

Und der Wahnsinn beginnt: Angetrieben durch einen Count Down und der starken Vermutung, dass am Ende die Explosion einer Bombe steht, versuchen Kluftinger und die Mitglieder der Task Force die Gefahr irgendwie abzuwenden. Dass Kluftinger dabei von seinem Privatleben arg in Mitleidenschaft gezogen wird hilft der Sache auch nicht wirklich weiter. Sowohl der Tanzkurz mit Langhammers (und seinem Lieblingserzfeind Dr. Langhammer), Aufführung von Schillers “WilhelmTell” als Laienspiel (in dem er eine Sprechrolle übernimmt), seinen hinterfozzeligen Kollegen und außerdem wird er auch noch verdächtigt fremdzugehen und mit Prostituierten zu verkehren (uuhhhh, schlimm, schlimm, schlimm …). Ach der zur Task Force gehörende österreichische Kollege macht die Sache mit seinem Schmä nicht leichter.
Alles spitzt sich darauf zu, dass die Bombe während der Fußball WM in Österreich und der Schweiz in einem Stadion explodieren soll. Ob die Bombe gefunden wird und ob das schon alles war, wird hier natürlich nicht verraten.

Islamistischer Terror in einem deutschen Krimi? Geht das? - Jep, geht! Nicht ungeschickt gelöst von den beiden Autoren durch die Einführung des türkischstämmigen Leiters der BKA Task Force, Yildrim, der sich als äußerst kompetenter und menschlicher Kollege herausstellt und alleine durch seine Anwesenheit und seine Bemerkungen über Religion und Islamismus (er selbst bezeichnet sich als Agnostiker) das Abgleiten in naives Islam-Bashing verhindert.

Viel Muße zum Lesen habe ich im Moment (mal wieder, noch immer) nicht und deshalb findet lesen in der obligatorischen 1/4 Stunde vor dem Einschlafen statt. Und Klufti hat mich wachgehalten! Eine sehr launige Geschichte mit viel Charme und witzigen Figuren, die einfach Spass macht. - Nein, das ist nichts für die Ewigkeit und wahrscheinlich muss ich in einem Jahr hier nachlesen, wie es denn so war. Aber, hey, eine Woche mit guter Laune, bestens unterhalten einschlafen? Das ist es mir allemal wert.


Laienspiel

Volker Klüpfel. Piper 2009, Broschiert, 360 Seiten, € 8,95

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November 8th, 2009

Nein, der Titel ist durchaus richtig geschrieben. Ach, fällt jetzt erst auf? Na, dann seit ihr, wie ich, auf auf einen kleinen Gag von Volker Pispers, dem Autor des Titel gebenden Buches, reingefallen.
So, und jetzt muss ich ein wenig aushohlen: Volker Pispers ist, meiner Meinung nach, der witzigste, gnadenloseste und treffenste politische Kaberettist Deutschlands. Und ich hatte das Glück ihn life zu erleben, und das ist tatsächlich ein Erlebnis. Auch wenn einem mancher Witz im Halse stecken bleibt, weil man bemerkt, wie er einen selbst trifft. Seine Texte entfallten ihre Wirkung durch die Präsenz seines Vortrags. Unübertroffen, wenn er mal eben die aktuellen Geldaufwände der Wirtschaftskrise gegen das Gesundheitssystem aufrechnet. Oder er den abwegigen Ängste vieler Menschen (Terror, Gewalt, Diebstahl) mal reale Gefahren gegenüberstellt (Autofahren, Arztbesuch).
Richtig gut wird es dann, wenn er beginnt Begriffe neu zu deuten, umzudrehen und in andere Zusammenhänge zu setzen. Wunderbar und immer treffend.

Gerne würde ich was aus dem Buch zitieren, aber irgendwie, also, das geht nicht. Also nicht gut, meine ich. Weil, man muss sich einfach immer den Menschen Pispers auf der Bühne vorstellen. Vollbart, Bauch, in Existenzialisten-Schwarz gekleidet. Keine Deko, nur er und ein Headset. - Das wirkt, das ist gut! Die Texte, nur gelesen, brauchen immer die Vorstellung der Stimme dieses Menschen auf der Bühne. Also, tut Euch einen Gefallen und schaut Euch an, was der Mann auf die Bühne bringt. Aber Vorsicht! Jeder kriegt sein Fett weg! Und wenn man bei der letzten Wahl CDU oder FDP gewählt hat, sollte man schon ein sehr dickes Fell mitbringen …
Und nach der Show sitzt er dann im Foyer, unterhält sich mit den Leuten, gibt Autogramme, diskutiert und dann kann man sich ja einfach ein Buch bei ihm kaufen und noch einen flotten Spruch reinschreiben lassen. Da hat man dann auch was zum Vorweisen, wenn die Revolution kommt.Und wenn man gefragt wird, wo man den selber so gestanden hat, dann sagt man: “Ich war schon immer dagegen, in der Opposition! Da! Der Beweis!” und schwenkt das signierte Buch. (frei nach Volker Pispers)

Und hier mein Beweis:

Volkerkunde

Volkerkunde


Viele weitere Informationen findet man auf der Homepage von Volker Pispers.

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August 20th, 2009

Eigentlich will ich über Mathias Noltes - bereits etwas älteren - Roman “Roula Rouge” schreiben, aber ich glaub, ich muss mich erstmal über den Deutschen Buchpreis aufregen. “Roula Rouge” hat es nämlich durchaus mal auf die Longlist geschafft, weiter aber nicht. Und nachdem ich mittlerweile drei Buchpreis-Gewinner-Bücher gelesen und mich nur bei einem nicht tierisch gelangweilt habe, frage ich mich ernsthaft, ob wir Deutschen nicht vielleicht Kultur und Humorlosigkeit miteinander verwechseln? Wieso gewinnt diesen Preis offenbar nur der historisch aufarbeitende, ernste Entwicklungsroman, dessen Held(in) sich durch die Unbillen der deutschen Geschichte kämpft und seelisch zwar angekratzt, doch geläutert, daraus hervorgeht??? Muss das wirklich sein?

Und damit schwenke ich zu M. Nolte, dem ich den Preis echt gegönnt hätte. Sein Buch ist nämlich: leicht, witzig, unterhaltsam und die Figuren nehmen sich nicht ständig bierernst. Und das, obwohl es auch - irgendwie ein bisschen - um deutsche Geschichte geht. Jonathan Schotter, knapp 48, war mal ein Wunderkind der Werbebranche (eine Bacardi-Kampagne wird erwähnt) und halbwegs glücklich mit der Malerin Susanne verheiratet. Zu Beginn des Romans ist er geschieden und arbeitslos, wenngleich auch keineswegs verarmt. Frisch von München nach Berlin umgezogen, streift er ziellos durch die Stadt. Seine neue Luxuswohnung wird noch renoviert, weshalb er in einer Pension mit etwas eigenartiger Wirtin haust. In diesen Schwebezustand Jonathans bricht der Zufall ein: In der S-Bahn sitzt er zwei jungen Frauen gegenüber.  Eine vergisst beim Aussteigen ihren Rucksack auf der Sitzbank. Zunächst will er ihn beim Fundbüro abgeben, aber der Inhalt - ein I-Book - weckt seine Neugier derart, dass er ihn behält. Er knackt das Password und liest sich in die Welt der Besitzerin ein, deren Name offenbar Roula Rouge ist.

Natürlich verliebt Jonathan sich in Roula (eigentlich Emma), obwohl die beiden nichts gemeinsam haben: Er ist ein reicher, sehr penibler, leicht angesnobter Wessi aus der Welt des schönen Scheins, sie eine linke, gern mal für die linke Revolution Mollies werfende, im Kaufhaus klauende, schwarz arbeitende Friseurin aus dem Osten. Zudem ist er doppelt so alt wie sie. Und er ist eigentlich ihr größter Feind, denn über die Chat-Funktion des Rechners hat sie ihm, dem fiesen Computer-Dieb, bereits Rache angedroht. Er plant also, sich ihr heimlich, als Zufallsbekanntschaft zu nähern. Wie es weitergeht, muss jeder selbst rausfinden, aber natürlich treffen die beiden bald aufeinander.

Was den Roman so nett macht, ist, dass die Figuren sehr sympathisch sind, obwohl sie allesamt skurril und manchmal etwas unglaubwürdig sind. Neben den beiden Hauptfiguren gibt es noch die Ex-Frau Susanne, Roulas Freundinnen Mette und Nike, die Wirtin Frau Philipps, den superreichen Unternehmer Herdi, die polnische Putzfrau, den nicht-wirklich-italienischen Kellner usw. usw. Nolte schafft es einfach, sie trotz mancher Seltsamkeiten warm und ehrlich erscheinen zu lassen. Und obwohl man vieles vorherahnen kann, ist die Geschichte nicht platt oder langweilig, sondern schwungvoll und witzig. Und Jonathan ist wirklich ein richtig netter reicher Schnösel, den man gern durch Berlin begleitet.

Warum immer die Langweiler die Buchpreise abstauben, wird mir wohl ewig ein Rätsel bleiben. Nolte sollte aber unbedingt noch viel mehr schreiben, soviel ist sicher! Sein Roman “Großkotz” ist leider vergriffen :-( Ein neuer ist aber grad erschienen und wird als nächstes gelesen!

Viel Spaß beim Lesen des Buches!!!


Roula Rouge

Mathias Nolte. Droemer/Knaur 2009, Broschiert, 416 Seiten, € 7,00

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